20:21 – Der Pfosten bricht Eiche das Herz
Mehr Drama geht nicht: Eintracht Gommern läuft 50 Minuten einem Rückstand hinterher, dann entscheiden die letzten zwei Angriffe das Derby in der Handball-Oberliga gegen Biederitz.
Gommern. Aller Trost seiner Mitspieler und Gegner konnte Marius Hammecke im ersten Moment nicht zurück auf die Beine helfen. Mit der Schlusssirene sank der 20-Jährige aufs Parkett der Gommeraner Eintracht-Sporthalle nieder, vergrub das Gesicht im Trikot und verkörperte die Biederitzer Enttäuschung so eindringlich, dass es beim bloßen Hinsehen schmerzte. Wenige Meter weiter hüpfte die gelb-blaue Jubeltraube durch ihre Heimstätte und bejubelte den zwischenzeitlich kaum für möglich gehaltenen 21:20 (12:13)-Erfolg. Der Handball war am Sonnabend einmal mehr ein Spiel der emotionalen Extreme. Und er kannte im Oberliga-Duell kein Erbarmen mit den Gästen, während die Eintracht ihr Glück kaum fassen konnte.
Entsprechend verließ auch André Freistedt, der weiterhin mit Dirk Hesse den erkrankten Eiche-Chefcoach Peter Pysall vertritt, die Halle „mit einem richtig schlechten Gefühl. Das Spiel verläuft auf Augenhöhe, aber am Ende verhindern Kleinigkeiten, dass wir etwas mitnehmen“. Hesse ergänzte: „Alles kann oder muss auf ein Unentschieden hinauslaufen.“ Doch weil Eric Schipper nach einer letzten Auszeit die Lücke in die gegnerische Deckung riss, sorgte Ole Mehr 40 Sekunden vor dem Ende mit dem freien Abschluss vom Kreis für die erste Gommeraner Führung im Spiel seit dem 3:2 (5.).
Im Gegenzug schnappte die Wurffalle zu: Der Abschluss von Rechtsaußen durch Rechtshänder Hammecke war jedenfalls die Chance, welche die Hausherren ihrem Rivalen zugestanden. Doch es passte zum dramatischen Geschehen, dass der Versuch an den linken Innenpfosten und von dort in die Hände von Eintracht-Keeper Jonas Wucherpfennig prallte. „In den letzten beiden Auszeiten habe ich den Jungs gesagt, dass es reicht, wenn die Führung ein einziges Mal in unsere Richtung kippt. Dass dies bei 59 Minuten und 30 Sekunden der Fall ist und vor allem wie es dann passiert, kann einem schon leidtun“, zeigte Gommerns Trainer Oliver Schulke Mitgefühl mit bezwungenen Gästen, die über die Stationen 6:9 (19.) und 16:18 (46.) schon wie der Sieger wirkten.
Und das lag vor allem an Joey Chandler Witte: Der Torhüter des SV Eiche 05 wehrte über 60 Minuten rund 25 Würfe ab. „Das war eine überragende Leistung. Er hat auch viele Situationen weggenommen, in denen das Spiel kippen kann. Wenn du zwar in Reichweite bist, aber ständig durch ihn eins auf den Deckel bekommst, ist das extrem zermürbend“, lobte Schulke die glänzende Vorstellung des gegnerischen Schlussmanns, an der sich seine Vorderleute aber im zweiten Abschnitt nicht mehr hochziehen konnten.
Einerseits vermisste der SV Eiche 05 in der Crunchtime den einen oder anderen zusätzlichen Pfiff. Hesse sagte mit Blick auf die Leistung des Schiedsrichtergespanns Matthias Gartmann/Bernd Härtel (Spielbezirk Anhalt), das ansonsten für ein Derby erstaunlich unaufgeregt agierte: „Vor allem mit der unterschiedlichen Auslegung des Zeitspiels habe ich Probleme. Im Zweifel wurde bei Gommern etwas länger gewartet und auch gern noch der vierte oder fünfte Schritt zugelassen. Auch beim Siebenmeterverhältnis hat etwas nicht gepasst.“ Andererseits stellte sein Mitstreiter Freistedt auch fest: „Ab der 48. Minute hat mir unser Eins-gegen-eins-Verhalten nicht mehr gefallen. Abgesehen von Sean Burgold, der auf Halbrechts bis zuletzt konsequent die Zweikämpfe gesucht hat, kam von unserer Aufbaureihe irgendwann zu wenig. In Verbindung mit dem einen oder anderen nicht gegebenen Strafwurf fehlen uns so drei, vier einfache Treffer, die an so einem Abend einen gewaltigen Unterschied ausmachen.“
So verpuffte letztlich auch das Biederitzer Torhüterplus. Auch, weil sich Wittes Gegenüber im Verlauf des Abends zunehmend steigerte: „Jonas war in der ersten Hälfte nicht wirklich im Spiel, hat aber nach der Pause von Anfang an funktioniert. Torhüter und Abwehr gehen ja im Idealfall eine Symbiose ein. Am Ende fand ich uns in der Deckung etwas griffiger als den Gegner“, ordnete Gommerns Coach ein, der jedoch nicht verhehlte, dass sich seine Schützlinge das offensive Leben über die schwache Wurfquote schwer machten: „Es war positiv, dass niemand Angst hatte, einen Fehler zu begehen. Aber vor allem im Tempospiel lassen wir zu viel liegen.“
Folglich gingen die Hausherren den ganz langen Weg zum 18. Saisonsieg, mussten für jeden Treffer hart schuften und hatten in den letzten Windungen des Spiels auch das nötige Quäntchen Glück auf ihrer Seite. Und während der Gommeraner Traum von der Vizemeisterschaft inklusive HVSA-Pokaltriumph durch den prestigeträchtigen Sieg neue Nahrung erhielt, stand für die Biederitzer nach knappen Niederlagen gegen die Top-Drei auch viel Anerkennung. Und nachdem Torwart-Rückkehrer Gustav Nafe etwas nachhalf, ist auch Marius Hammecke wieder aufgestanden und hat das Spielfeld erhobenen Hauptes verlassen.
Gommern: Jo. Wucherpfennig, Smoger – Kämpf, Peschke, Hugk, Hieber (4), Leine (1), De Vries, Wolter (2), Mehr (4), Panoven (7/3), Schipper (2), Ja. Wucherpfennig (1), Schülke, Jassmann, Schmelzer
Biederitz: Nafe, Wetzel, Witte – Urban (2), Thielecke (1), Daßler (1), Kinast, Burgold (4), Hesse (4), Richter, Janke, Beres, Held (1), Steinweg (3), Hammecke (4), Eix
Siebenmeter: Eintracht 4/3 – Eiche 0; Zeitstrafen: Eintracht 3 – Eiche 2


SV Eiche 05 Biederitz
TSG Calbe/Saale
HSG Wolfen 2000 e.V.
SG Kühnau
HV Wernigerode
HSV Haldensleben